Gutes Licht für die goldenen Jahre

Von Dr. med. Dieter Brodehl, Augenarzt, Darmstadt

 

Jeder hat noch die Worte der Mutter in den Ohren: "Mach dir Licht, sonst verdirbst du dir die Augen!" Wir verdienen mit dieser uralten Weisheit, bei schwacher Beleuchtung schlechter zu sehen, die Vorstellung, eine unzureichende Beleuchtung könnte einen organischen Schaden nach sich ziehen. Wenn auch diese Volksweisheit so nicht richtig ist, deutet sie doch darauf hin, dass ein enger Zusammenhang zwischen Licht, Sehvermögen und Wohlbefinden besteht.

Besonders mit zunehmenden Alter wird uns bewusst, welchen Stellenwert „gutes Licht“ zu Hause oder am Arbeitsplatz erlangt. Denn zwei entscheidende Selbstregulationsmechanismen des Sehens, die Naheinstellungsreaktion (Akkommodation) und die Anpassung an die Helligkeit (Adaption), lassen im Laufe des Lebens nach. Bei der Akkommodation kann das Auge durch Veränderung der Linsendicke Gegenstände in verschiedenen Entfernungen scharf auf der Netzhaut abbilden. Seit dem Babyalter nun wird diese Linse durch Einbauvorgänge härter und damit unelastischer, so dass mit dem 40. bis 45. Lebensjahr der Normalsichtige in der Nähe nicht mehr scharf sehen kann. Er braucht eine Lesebrille. Außerdem wird das Auge blendempfindlicher. Leuchtdichten im Sehbereich einzustellen, wie im Extrembeispiel bei der Fahrt aus einem Tunnel, lässt im Laufe des Lebens nach. Hierzu kommt, dass die Pupille mit zunehmenden Alter enger wird und damit weniger Licht ins Auge gelangt.

Lesen bei schlechter Beleuchtung

Wenn man nur bei schlechter Beleuchtung liest, müsste sich die Pupille weiter öffnen, was sie aber aufgrund ihrer altersbedingten Eigenschaften nicht mehr so gut kann.

Wie können wir diesen naturgegebenen Nachteilen mit einer Verbesserung der Umfeldbedingungen begegnen? Zunächst ist die Beleuchtungsstärke neben einem optimalen Ausgleich der Brechungsfehler (evtl. Brille) eine wichtige Größe, mit der wir dem Nachlassen der Akkommodation und Adaption begegnen können.

Das Beispiel des einfachen Fotoapparates ist geläufig: Bei Sonne stellen wir die Blende ganz eng, und von einem Meter bis Unendlich wird das Bild scharf. Genau dieses Phänomen der Schärfentiefe machen wir uns unbewusst zunutze, wenn wir in die Leseleuchte eine Hellere Lampe einschrauben. Die Pupille wird enger, der Schärfentiefenbereich wird größer.

Wenn Reflexe blenden

Die häufigsten Ursachen für Klagen über Beleuchtungsanlagen entstehen durch direkte und indirekte (Reflex-) Blendung. Diese Beschwerden nehmen mit der altersbedingten Linsentrübung noch zu. Wie können Sie erkennen, ob Blendung vorliegt?

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie beim Blick geradeaus geblendet werden, können Sie ganz einfach mit der Hand oder einem Buch nur die Lichtquelle oder die reflektierende Fläche abdecken. Entsteht jetzt der Eindruck, dass das Sehen angenehmer ist, handelt es sich um Direkt- oder Reflexblendung. Vom Abschirmen bis hin zum Austauschen der Leuchte gibt es hier zahlreiche Möglichkeiten der Abhilfe: Eine helle Beleuchtung wirkt anregend und belebend. Aber auch zu große Helligkeit (Leuchtdichte) kann zu Störungen führen. Ein zu grelles Licht erzeugt Überreizung und vorzeitige Ermüdung.

Mit Licht richtig umgehen

Es kommt also darauf an, mit Licht richtig umzugehen. Jede Verbesserung auf dem Gebiet der Beleuchtung erspart uns also Konzentrationskraft und bringt uns folglich Lebensqualität. Die Beleuchtungsstärke beeinflusst weiterhin Reaktionsvermögen und Leistungsvermögen.

Als Faustregel für gute Beleuchtung in der Wohnung kann gelten: Das Lichtspektrum der Lampe sollte dem des Sonnenlichts ähnlich, d. h. warm-weiß, sein. Direkt am Arbeitsplatz sollte eine Helligkeit bestehen, die einer 60- bis 100-Watt-Glühlampe entspricht. Für feine Arbeiten gelten die doppelten Werte. Hierbei werden dann sehr schnell die Grenzen der reinen Glühlampenbeleuchtung deutlich. Allein schon wegen der Temperaturentwicklung muss oft auf Leuchtstofflampen übergewechselt werden. Der qualifizierte Fachhandel führt inzwischen ein reichhaltiges Angebot an Kompakt-Leuchtstofflampen. Statt „Mach dir Licht, sonst verdirbst du dir die Augen“, sollte es also heißen: „Mach dir genügend und gutes Licht, und du sparst Konzentrationskraft und Lebensenergie“.